Plauener Lehrlinge besuchten vor 100 Jahren „Fortbildungsschulen“

23.12.1997von Roland Schmidt

 

Die volle Durchsetzung industrieller Produktionsweisen erforderte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der Fortbildung der Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Der achtjährige Unterricht an einer Volksschule reichte nicht aus, die Jungen und Mädchen für eine qualifizierte Tätigkeit in der Industrie, im Handwerk oder im Dienstleistungsbereich vorzubereiten. Schon seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es „Sonntagsschulen“ und „Gewerbeschulen“, die das Ziel verfolgten, die Volksschulkenntnisse der jungen Generation zu festigen und zu vertiefen. Doch erst das Volksschulgesetz vom 26.4.1873 führte zur verbindlichen Einführung von Fortbildungsschulen in Sachsen. Allerdings in strikter Form nur für die Jungen, die Einrichtung von Fortbildungsschulen für die Mädchen wurde der freien Entscheidung der Ortsschulvorstände überlassen. Plauen war die einzige Stadt in Sachsen, die sich von Anfang an auch für eine Mädchenfortbildungsschule entschied. In Plauen wurde diese gesetzliche Regelung ab Ostern 1876 umgesetzt, indem zunächst drei Fortbildungsschulen geschaffen wurden. Sie waren an die einfachen Volksschulen, die damals offiziell „Bezirksschulen“ hießen, angegliedert worden, und sie waren auch hinsichtlich der Schulleitung und des Lehrkörpers eng mit ihnen verbunden. Die Direktoren der 1. und 2. Bezirksschule, Karl Friedrich Höckner und Christian Friedrich Krause, leiteten zugleich auch die Fortbildungsschulen in ihrem Hause, und viele Lehrer aus ihren Kollegien erteilten an ihnen auch Unterricht. Die Zuordnung der Schüler war jedoch vom Geschlecht abhängig.

Während an der 1. Bezirksschule (der späteren Angerschule) alle Mädchen erfasst wurden, besuchten die Jungen die Fortbildungsschule an der 2. Bezirksschule (der späteren Krauseschule) in der Straßberger Straße. Für die Jungen galt eine dreijährige, für die Mädchen eine zweijährige Schulzeit. Für die männlichen Absolventen der höheren und mittleren Bürgerschule in der Syra- bzw. In der Neundorfer Straße wurde in der Neundorfer Straße (spätere Lutherschule, Gebäude der heutigen Vogtlandbibliothek) eine obligatorische dreijährige Fortbildung organisiert, während es die für die Mädchen beider Schulen nur auf freiwilliger Basis für zwei Jahre im Gebäude an der Syrastraße gab. So verdienstvoll diese Bemühungen um die Hebung des Bildungsniveaus der Volksschulabsolventen waren, so waren die eng gesetzten Grenzen dieser Maßnahmen nicht zu übersehen. der Unterricht fand in der Regel wochentags nach 8 – 10stündigem Arbeitsprozess statt. die Schüler waren meist abgespannt und übermüdet, so dass die Unterrichtsergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben mussten. Gesetzliche Regelungen zur Freistellung der Lehrlinge für Schulzwecke – wie wir es heute im dualen System der Berufsausbildung kennen – waren damals noch in weiter Ferne. Dennoch war mit der obligatorischen Fortbildung ein Anfang gemacht, der den Weg in die Zukunft wies. In den achtziger Jahren wurde in Plauen die 1876 getroffene Regelung mehrmals geändert. Die Gründe lagen zum einen in den ständig steigenden Qualitätsansprüchen, zum anderen im stürmischen Wachstum der Schülerzahl und damit auch des Schulnetzes der Stadt. Die gravierendste Entscheidung fiel Ostern 1895, indem die enge Bindung der Fortbildungsschulen an die jeweilige Bezirksschule aufgehoben und ihr eigenständiger Charakter stärker betont wurde. Während die Mädchen aus dem gesamten Stadtgebiet die Fortbildungsschule im Gebäude der späteren Lutherschule besuchten, gab es für die Knaben eine territoriale Trennung, für die die Syra den Einschnitt bildete. Jungen, die westliche des Syrabaches wohnten, besuchten die Fortbildungsschule am Anger, die übrigen Knaben wurden in der Jößnitzer Straße beschult. Durch diese Konzentration konnten Fachklassen für die verschiedenen Berufe geschaffen werden. Alle drei Institutionen erhielten auch neue Leiter. Mit Richard Dorsch, Karl Oswald Eßbach und Franz Hermann Riedel war die Wahl auf drei Pädagogen gefallen, die sich bis dahin bereits um das Plauener Schulwesen verdient gemacht hatten. Sie blieben zwar weiter hauptamtlich an ihren Volksschulen angestellt, jedoch brauchten sie dort bis zu acht Stunden weniger zu unterrichten, um sich ihrer Leitungsfunktion widmen zu können. Während die beiden Knabenschulen von jeweils 600 bis 700 Schülern besucht wurden, zählte die Mädchenschule etwa 1200 Schülerinnen. Diese unterschiedliche Schülerfrequenz erklärte sich aus der Zahl der erteilten Wochenstunden. Die Jungen erhielten wöchentlich 6 Stunden Unterricht, die Mädchen dagegen nur 4, wobei 2 Stunden sogar nur als fakultativ galten. Für den Unterricht waren insgesamt etwa 120 Lehrer (1906) aus verschiedenen Schulen der Stadt eingesetzt. Die Unterrichtsdauer betrug für alle Schultypen zwei Jahre. 1908 wurde für einige Berufe wie Bäcker, Fleischer und Metallarbeiter eine dreijährige Fortbildungsschule eingeführt, für andere Jungenberufe sowie für Mädchen blieb es bei einer zweijährigen Schuldauer. Erst das Übergangsschulgesetz des Freistaates Sachsen vom 22. Juli 1919 führte dann zur Einführung von Strukturen in der Berufsausbildung, wie wir sie im Prinzip noch heute kennen.

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