Die Plauener Lessingschule wäre heute 125 Jahre alt

Die älteren Plauener Bürger werden sich gewiss noch an die Lessingschule an der damaligen Johannstraße (heute August-Bebel-Str.), und einige von ihnen werden in ihr gar die Schulbank gedrückt haben. Diese Bildungsstätte wurde vor 125 Jahren, am 17. Oktober 1892, geweiht. Allerdings trug sie damals noch nicht Lessings Namen, sondern wurde amtlich als „Neue II. Bürgerschule und 4. Bezirksschule“ geführt. Das klingt ziemlich sperrig, öffnet uns aber den Weg in die Geschichte der Schule, den Grund ihrer Errichtung an der Johannstraße und ihre Funktion in den ersten Jahren ihrer Existenz. Doch der Reihe nach: Die Stadt Plauen zählte 1890 mit 47 000 etwa doppelt so viele Einwohner gegenüber 1870. In diesen zwei Jahrzehnten waren viele neue Straßenviertel entstanden, die meisten in der Bahnhofsvorstadt Richtung Preißelpöhl und in der Hammervorstadt. Am schnellsten wuchs die Zahl der schulpflichtigen Kinder, so dass Probleme des Schulbaus höchste Priorität besaßen. Bereits 1882 war an der Schiller-/Ecke Johannstraße die 3. Bezirksschule (die spätere Schillerschule) eröffnet wurden. Sie galt nach der damaligen Gesetzgebung als einfache Volksschule, die gegenüber mittleren und höheren Volksschulen niedrigere Bildungsziele mit höheren Klassenstärken verfolgte, wofür auch ein geringeres Schulgeld zu zahlen war. Die 3. Bezirksschule war ursprünglich für 1200 Kinder berechnet, doch 1892 war sie mit 1900 Kindern völlig überbelegt. Die Bahnhofsvorstadt wuchs aber weiter, so dass die Stadtväter erste Gedanken über eine zukünftige 4. Bezirksschule anstellten. Doch auch das Bedürfnis nach weiteren Unterrichtsplätzen in mittleren Volksschulen wuchs in dem Wohngebiet wie in der ganzen Stadt. Die damals einzige mittlere Volksschule Plauens befand sich in der Neundorfer Straße (heute Gebäude der Vogtland-Bibliothek). Sie galt als „alte II. Bürgerschule“, die 1891 mit knapp 2000 Schülern aus allen Nähten platzte, so dass eine „neue II. Bürgerschule“ dringend erforderlich wurde. Eine neue II. Bürgerschule und eine neue 4. Bezirksschule zur gleichen Zeit als separate Gebäude zu errichten, hätte die finanziellen Möglichkeiten der Stadt überfordert. So wurde der Gedanke geboren, beide Einrichtungen vorübergehend in einem Haus unterzubringen. Entsprechend der weiter wachsenden Schülerzahl sollte dann die 4. Bezirksschule später ein eigenes Schulhaus erhalten. Deutete sich hier bereits die spätere Lösung an, so war sie 1890 noch lange nicht beschlossen, denn immer wieder wurden auch andere Vorschläge unterbreitet, vor allem als um den geeigneten Bauplatz gerungen wurde. Im wesentlichen standen zwei Grundstücke zur Diskussion, die beide bereits in städtischem Besitz waren, so dass keine Erwerbskosten anfielen. Das eine Objekt war das Gelände des ehemaligen Krankenhauses an der Hammerstraße (heute von der Wasserwirtschaft genutzt), das andere die unbebaute Fläche im damaligen Straßenviertel Johann-/Lessingstraße (heute August-Bebel-/Lutherstr.) im Hofe der 3. Bezirksschule. Um diese beiden Standorte wurde in den städtischen Gremien heftig gestritten, immer mit dem Ziel, Ostern 1892 beide Schulen im künftigen Neubau eröffnen zu können. Doch gegen beide Objekte gab es auch ernsthafte Bedenken. Gegen das alte Krankenhaus sprachen die höheren Kosten, da man sich vorerst auf einen Umbau des alten Gebäudes verständigt hatte, doch auch ein völliger Neubau wäre teurer geworden, denn der Abriss des alten Gemäuers hätte viel Geld und auch Zeit gekostet. Die Argumente gegen den Bauplatz in unmittelbarer Nachbarschaft zur 3. Bezirksschule gründeten sich auf den befürchteten Standesdünkel einiger Elternhäuser der mittleren Volksschule, die einen direkten Kontakt ihrer Kinder mit Schülern der einfachen Volksschule auf den dann gemeinsam genutzten Schulhof ablehnten. Die Beratungen zogen sich etwa anderthalb Jahre ohne nennenswerte Fortschritte hin, und der geplante Eröffnungstermin der neuen Schule Ostern 1892 rückte immer näher. Schließlich plädierte Oberbürgermeister Oskar Theodor Kuntze am 11. 7. 1890 für das alte Krankenhausgelände in der Hammerstraße, ohne dessen altes Gebäude in das Schulprojekt einzubeziehen. Die Mehrheit der Stadtverordneten folgte ihm und stimmten dem Projekt zu – doch gebaut wurde trotzdem nicht, weil der Plauener Bezirksarzt Dr. Buschbeck in einem mehrseitigen Gutachten vor unabsehbaren gesundheitlichen Gefahren für die Kinder warnte, die noch immer in Form von alten Keimen in den Fußböden und Gemäuern ausgehen könnten. Sie seien auch nicht kurzfristig zu entfernen. Der Arzt erfuhr durch eine Unterschriftensammlung besorgter Familienväter der Kinder der (alten) II. Bürgerschule nachhaltige Unterstützung, die das Rathaus zum Umdenken bewog. Aber erst am 17. Februar 1891 fiel die endgültige Entscheidung, die neue II. Bürgerschule an der Johann-/Ecke Lessingstraße zu errichten und dort vorübergehend auch die 4. Bezirksschule mit unterzubringen. Im August 1891 erfolgte die Grundsteinlegung für das dreistöckige Schulgebäude, und am 17. 10. 1892 - ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant – fand die Schulweihe statt. In festlichen Zügen verließen die für die neue Schule vorgesehenen Schüler und Lehrer ihre bisherigen Bildungs- bzw. Arbeitsstätten und nahmen das neue Haus in Besitz. Die Umzügler aus der 3. Bezirksschule hatten den kürzeren Weg, denn sie gingen nur über den Schulhof. Dabei nahmen sie sogar ihren langjährigen Direktor mit, Anton Moritz Weichelt, der zum Leiter der „neuen II. Bürgerschule und 4. Bezirksschule“ befördert worden war. Unter seiner Regie nahmen 1005 Schüler der mittleren und 625 der einfachen Volksschule den Unterricht auf. Diese „Doppelanstalt“ blieb bis 1897 bestehen, dann bezog die 4. Bezirksschule unter ihrer neue Bezeichnung 6. Bürgerschule ihr eigenes Schulhaus in der Reißiger Straße (spätere Heubnerschule). 1919 wurden alle drei sächsische Volksschultypen gleichgestellt. 1920 erhielt die II. Bürgerschule den Namen Gotthold Ephraim Lessings. Am 23. Februar 1945 fiel die Lessingschule (wie auch die benachbarte Schillerschule) dem 3. Bombenangriff auf Plauen zum Opfer. Sie wurde später nicht wieder aufgebaut, so dass uns heute nur noch die Erinnerung bleibt.

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