29. Oktober 1911: Eröffnung des Friedrich-Krause-Stiftes für gefährdete Kinder in Plauen
In der Plauener Stadtgeschichte verdient der 29. Oktober 1911 eine besondere Erwähnung, denn an diesem Tag wurde im Stadtteil Reusa das Friedrich-Krause-Stift eröffnet. Es war eine sozialpädagogische Einrichtung, die sittlich gefährdeten Kindern und Jugendlichen ein neues Zuhause bot. In familienahen Erziehungsformen bemühten sich die Erzieherinnen und Erzieher, den sozialen und sittlichen Absturz ihrer Zöglinge aufzuhalten, ihnen feste Normen für ein selbst gestaltetes Dasein zu vermitteln und sie damit wieder auf den Weg ins Leben zu führen. Ein solches „Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und Jugendliche hatte Plauen zu Beginn des letzten Jahrhunderts dringend nötig, denn das rasante Wachstum der Vogtlandmetropole zur Großstadt hatte auch seine Schattenseiten. Die sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich nahmen zu, die bisherigen Bevölkerungsstrukturen verloren ihre Gültigkeit, traditionelle Familienbande lösten sich auf. Am meisten litten darunter Kinder und Jugendliche, von denen manche ins kriminelle Milieu abstürzten. Diesem Prozess zielstrebig entgegen zu wirken, gründete 1908 der Plauener Hilfsschuldirektor Johannes Delitsch (1858 – 1920) den „Verein für Jugendfürsorge“, der sich nicht nur sehr schnell zu einer stark frequentierten Ratgeber- und Betreuungsstelle für gefährdete Kinder und Jugendliche entwickelte, sondern von Anfang an auch den Plan verfolgte, für die Bedürftigsten ein eigenes Heim zu schaffen. Diese Idee war in Plauen keineswegs neu, denn um 1880 hatte sie bereits der verdienstvolle Volksschuldirektor Friedrich Krause (1831 – 1897) geäußert, ohne dass sie realisiert wurde. 30 Jahre später kam Johannes Delitsch darauf zurück und trat – die Unterstützung seines Vereins „Jugendfürsorge“ im Rücken – an die Stadtverwaltung heran, ein solches Heim zu schaffen. Angesichts der wachsenden sozialen Probleme blieb den Stadtvätern gar keine Wahl, sie befürworteten das Projekt und stellten dem Verein auf Reusaer Rittergutsflur ein geeignetes Baugelände in Erbpacht zur Verfügung. Darüber hinaus gewährte die Stadt rund 11 000 Mark als Startkapital für den Bau, verschiedene Vereine und Stiftungen leisteten ebenfalls finanzielle Hilfe. Den Hauptteil der Baukosten für das Heim – rund 70 000 Mark – musste jedoch der Verein „Jugendfürsorge“ selbst aufbringen. Das war nur mit einer großen Spendenaktion zu erreichen, für die Johannes Delitsch nicht nur die Idee hatte, sondern auch die Genehmigung der Stadtverwaltung erhielt. Er organisierte für den 25. März 1911 in Plauen einen „Margaretentag“. Die ganze Stadt stand an diesem Tag unter dem Symbol der Margerite, der Blume der Barmherzigkeit. Kaufhäuser und Einzelhandelsgeschäfte stellten einen Teil ihrer Tageseinnahmen zur Verfügung, im Theater und in allen Festsälen der Stadt gab es gut besuchte Benefiz-Veranstaltungen, die Gaststätten lockten mit Kleinkunstprogrammen, und auf den Straßen waren zahlreiche Helfer mit Sammelbüchsen unterwegs. Der Reinerlös dieses Tages übertraf alle Erwartungen, so dass bereits in der folgenden Woche mit dem Bau des vom Architekten Otto Prasser entworfenen Heimes begonnen werden konnte. Innerhalb weniger Monate errichtete die Baufirma Otto Hauptmann das solide Gebäude mit hellen und luftigen Räumen. Am 29. Oktober 1911 war es soweit, das „Friedrich-Krause-Stift“ konnte feierlich geweiht werden. Johannes Delitsch wurde – neben seiner Tätigkeit als Hilfsschuldirektor – zum pädagogischen Leiter berufen, und bereits zwei Tage später zogen die ersten drei Zöglinge ein. Innerhalb kurzer Zeit war die geplante Kapazität von 30 Kindern und Jugendlichen erreicht. Die schulpflichtigen Zöglinge besuchten die Reusaer Schule und wurden dort an zielstrebiges Lernen herangeführt, und auch im Heim war der Alltag weitgehend den Prinzipien der Arbeitserziehung verpflichtet. Unter Anleitung ihrer Erzieherinnen und Erzieher erfüllten die Kinder und Jugendlichen vielfältige Pflichten in Küche, Haus und Garten. Sie halfen bei der Zubereitung von Mahlzeiten, sorgten für die Sauberkeit in den Aufenthalts- und Schlafräumen und bewirtschafteten den rund um das Heim gelegenen 8800 Quadratmeter großen Garten. Hier bauten sie Obst und Gemüse für den Eigenbedarf und zum Verkauf an, doch wichtiger war die dabei gewonnene Erkenntnis der Zöglinge, durch eigenes Tun, durch die Erfüllung täglicher Pflichten sich selbst zu nützen. Darüber hinaus erwarben sie in hauseigenen Metall- und Holzwerkstätten elementare handwerkliche Fertigkeiten. In den ersten beiden Jahrzehnten seiner Existenz – bis 1931 – bot das Friedrich-Krause-Stift insgesamt 334 Kindern und Jugendlichen ein neues Zuhause. Durch zielstrebige Erziehung konnten sie nach einem längeren und oft auch widerspruchsvollen Prozess als gefestigte Persönlichkeiten aus dem Heim entlassen werden, um fortan ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Zu dieser stolzen Bilanz kamen noch zahlreiche Kinder, die kurzzeitige Konflikte mit ihren Eltern oder den Gesetzen hatten und bis zur Klärung ihrer weiteren Betreuung vorläufig im Heim untergebracht waren. Nach 1933 gestalteten die Nationalsozialisten das Friedrich-Krause-Stift in eine NS-Jugendheimstätte der Volksfürsorge um, deren Tätigkeit voll den Erziehungszielen der braunen Machthaber verpflichtet war. In den Jahren 1944/45 beherbergte das Heim Kinder aus dem Ruhrgebiet, um sie vor den dortigen Bombenangriffen zu schützen, doch der Krieg holte sie in Plauen mit seiner ganzen Grausamkeit ein. Nach 1945 diente das Friedrich-Krause-Stift kurzfristig als Altersheim, bevor es in der DDR wieder zu einer Einrichtung der Kinderbetreuung wurde, zuletzt unter dem Namen „Walter-Hedler-Heim“. Heute steht auf dem Gelände das 1996 geweihte Gebäude der Neuapostolischen Kirchgemeinde. Dennoch bleibt das Friedrich-Krause-Stift und seine Gründung vor 100 Jahren unvergessen. Zum einen, weil in seinen Mauern durch die aufopferungsvolle Tätigkeit seiner Erzieherinnen und Erzieher viele gefährdete junge Menschen wieder in feste Lebensspuren zurückgeführt wurden, zum anderen, weil es eine soziale Einrichtung war, an deren Finanzierung sich die gesamte Bevölkerung der Stadt beteiligt hatte.
